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Jenseits der Schriftkultur

(Beyond the Culture of Writing), gdimpuls (a publication for decision-makers in economics and business), Vol. 2/98. Rü schlikon CH: Gottlieb Duttweiler Institute, pp. 3-15

(Beyond the Culture of Writing),
gdimpuls
(a publication for decision-makers in economics and business), Vol. 2/98. Rü schlikon CH: Gottlieb Duttweiler Institute, pp. 3-15

Jenseits der Schriftkultur
von
Mihai Nadin

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In Zukunft wird es nicht mehr notwendig sein, schreiben und lesen zu können, um im Alltag zu funktionieren. Die Notwendigkeit und die Vorherrschaft der Schriftlichkeit sind vorü ber. Aber statt ü ber das Ende der Schriftkultur zu lamentieren, begrü sst Mihai Nadin die neuen Möglichkeiten des Ausdrucks und der Kommunikation, die der gegenwärtige wissenschaftliche, technologische und gesellschaftliche Wandel mit sich bringt.
Vor einigen Jahren verhalf ein Pepsi-Cola-Manager Apple die Schwelle von einer Milliarde Dollar zu erreichen. Ein Manager einer Keksfabrik (zufällig einst Manager eines grossen Finanzunternehmens) unterbrach den Niedergang von IBM. Als er das Unternehmen ü bernahm, wurden die Aktien zu einem Preis verkauft, der beinahe auf dem Niveau von Apple lag, und treue IBM-Aktionäre wurden ausgelacht. Sculley wurde schliesslich entlassen; Lou Gerstner scheint Big Blue dahin zurü ck gebracht zu haben, wo es einst stand.
Beispiele von Managern, mehr oder weniger erfolgreich, von der Kosmetikbranche bis zur Auto- und Pflegebranche und von der Landwirtschaft zur Gentechnik können den beiden oben erwähnten hinzugefü gt werden. Aber wenige, wenn ü berhaupt welche, illustrieren die Geschichte so klar wie Sculley und Gerstner. Der erste vertritt den Managementstil einer Zivilisation, die durch Sequenzialität – was Vilèm Flusser vor Jahren den Lesern dieser Zeitschrift erklärte – und Linearität, Hierarchie, Zentralismus, Determinismus gekennzeichnet ist – was ich nun erklären muss. Der zweite erkennt, dass nur nichtsequenzielle und nichtlineare Formen der Aktivität und des Ausdrucks als auch der Aufgabenverteilung sowie Parallelismus und Unbestimmtheit – noch mehr Begriffe, die erklärt werden mü ssen – den Herausforderungen unserer Zeit und der Zukunft gewachsen sein können. Unerbittliche Abflachung der Managerstrukturen und ein Wandel der von oben nach unten gerichteten Managemententscheidungen hin zu einem Modell verteilter Entscheidungskompentenzen widerspiegeln dieses Verständnis. Dies muss ich nicht erklären. Wenn Sie nicht verstehen, was dies bedeutet, dann haben Sie Grund zur Sorge. Sie stehen am Ende Ihrer Managementkarriere.
Diese Einleitung fü hrt zur ersten Botschaft, die ich Ihnen vermitteln will: Die gegenwärtige Dynamik der ökonomischen Aktivität ist derart, dass die wirklich effektiven und visionären Manager, gleichgü ltig wie hoch sie sich noch in der Hierarchie befinden, erkennen, dass ihre letztendliche Funktion darin besteht, sich selbst wegzumanagen. John Sculley schaffte es, selbst gefeuert zu werden. Lou Gerstner verliess seinen Posten, nachdem es ihm gelungen war, die Dynamik von IBM erfolgreich zu befreien von den hierarchischen und zentralistischen Regeln einer Zivilisation, deren Ende er wohl noch nicht erkannte, das wir aber alle erleben.
McDonalds, Moskau, Multimedia
Die folgenden Beispiele können als Teil der sich entwickelnden Landkarte der gegenwärtigen menschlichen Aktivität gesehen werden. Es ist unwesentlich, ob die Zahlen, die ich vorstellen werde, aus den USA, Deutschland, Grossbritannien, Frankreich oder Russland stammen. Was zählt, ist die Richtung der Veränderung und ihre Amplitude. Die Krise in Asien beweist meinen Standpunkt besser, als ich es vor nur sechs Monaten hätte formulieren können. Was dort zusammenbricht, ist die Struktur einer jahrhundertealten Zivilisation, in vielen Hinsichten bewundernswert, aber Veränderungen nicht zuträglich. Hochtechnologie in Malaysia, Korea, Japan und Singapur ist eher eine Fassade als ein der Gesellschaft zugrundeliegendes Fundament. Aber an diesem Punkt greife ich bereits voraus, warum und wie der Wandel notwendig wurde.
Wie viel die Geschwindigkeit der ökonomischen Prozesse (und aller menschlicher Interaktionen) auch immer zugenommen hat, die Vergangenheit ist noch gegenwärtig. Über drei Millionen Menschen verloren zwischen 1995 und 1998 in den Vereinigten Staaten von Amerika ihre Stelle. In Deutschland, Frankreich, Spanien, Belgien ist die Zahl der Arbeitslosen auf dem höchsten Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Ausgaben im Gesundheitswesen haben neue Höhen erreicht, und Regierungen auf der ganzen Welt sind dabei, Sozialleistungen zu kü rzen– ein heisses politisches Thema, dass nicht verschwinden wird, gleichgü ltig, wer die Wahlen gewinnt oder mit neuen Entwü rfen fü r die Krankenversicherung aufwartet. Auf der anderen Seite entstehen neue Berufe und Geschäftsmöglichkeiten; Millionen neuer Jobs wurden und werden geschaffen. Restrukturierung, auch bezeichnet als “business processing redesign”, fü hrt zum neuen horizontalen Unternehmen.
Auch andere Aspekte des Unternehmens haben sich verändert. Visuelle Kommunikationsformen haben alle anderen ü berholt. Konsequenterweise sind die heutigen Firmenbroschü ren Videos oder eine Internetpublikation mit Echtzeit-Abbildungen neuer Produkte, die in Funktion gezeigt werden. Im beständigen Auftreten neuer Technologien wurde fruchtbarer Boden fü r Multimedia erschlossen. Er macht die Kultur des Buches ü berflü ssig. Virtuelle Läden verkaufen massgeschneiderte Produkte. Der Bestellkatalog wird ersetzt durch Erzeugung auf Bestellung, unabhängig vom Produkt – Möbel, Kleidung, Bü cher, Lebensmittel. Kein Lagerbestand mehr, der darauf wartet, passende Käufer zu finden. Das virtuelle Bü ro verwandelt das Pendeln in Telependeln. Interaktive Spiele sind ein Geschäft, das an Volumen und Profit das Filmgeschäft bereits ü bersteigt. Heutzutage werden mehr Computer als Pkws oder sogar Fernsehgeräte verkauft. Der historische Zusammenbruch des Sowjetischen Imperiums und der Newswü rdigen Eröffnung der ersten McDonalds-Filiale in Moskau und Peking – so wenig diese Ereignisse zuerst auch miteinander zu tun haben mögen – gehören zu einer neuen Erfahrung. Es ist die Konsequenz der Globalisierung der Märkte, der Ressourcen und der Produktion – Merkmale einer Realität, die zunehmend Teil unseres Lebens wird. Die Proteste gegen die Globalisierung, die von Arbeitern auf den Strassen der europäischen Industriezentren geäussert wird oder von einigen Managern, können die Tatsache nicht verdecken, dass jene, die gegen die Globalisierung protestieren, durch ihre Einkäufe, ihre Unterhaltung, Mode, Kunst, Sport oder ihren Hang zu internationalem Tourismus, heute eine beinahe 4000-Milliarden-Dollar-Branche, wild daran teilnehmen.
Das Undenkbare – England ohne Königin oder König – widerhallt ironisch im britischen “Das Unmögliche braucht etwas länger”. Aber zum 70. Geburtstag von Königin Elizabeth ertönte die Forderung nach Abschaffung der Monarchie ebenso laut wie das “God save the Queen”. Fü r alle praktischen Zwecke spielt es keine Rolle, wer der Präsident der Vereinigten Staaten oder wer der zukü nftige deutsche Kanzler oder sogar wer (ausser dem Sozialisten Jospin) der Premierminister von Frankreich ist. Die Komplexität der Prozesse – insbesondere der ökonomischen Prozesse – in der heutigen Welt ist derart, dass “Lenken”, in welchem Grad auch immer, mehr Schaden anrichten als es Nutzen bringen wü rde. Das erste, woran man beim Fahren auf eisglatter Fahrbahn oder bei Aquaplaning denken muss, ist: Das Lenkrad nicht herumreissen. Die kompetitive Welt ist kein Rennen auf erstklassigen Autobahnen mehr, sondern ein Raubzug in unbekannte Territorien, der verlockend als gü nstige Gelegenheit bezeichnet wird.
Wie schon oft in anderer Weise gesagt wurde, ist die Landkarte nicht das Territorium. Ereignisse und Tendenzen so verschieden oder zusammenhanglos wie die bereits erwähnten, setzen sich zu einer häufig frustrierenden Wirklichkeit zusammen. Sie machen frü here Modelle, die auf der Idee des Fortschritts beruhen, so nutzlos wie eine zehn Jahre alte Landkarte von Europa. Da wir uns mitten in einem sich entfaltenden Ganzen befinden, zeigt sich uns das gesamte Bild noch nicht. Wenn wir nur Teile des Ganzen verstehen, haben wir noch keine Garantie fü r eine zutreffende Interpretation des Wandels und seiner Notwendigkeit. Ohne eine solche Interpretation werden Manager weiterhin in einem reaktiven statt in einem pro-aktiven Stil arbeiten.
Ein neuer Kontext fü r menschliche Interaktionen
Diese offensichtlich unverbundenen Entwicklungen sind Zeugnis fü r unsere beständige Entfaltung als menschliche Wesen in einem völlig neuen Kontext menschlicher Interaktion. Aber warum sollten sich Manager um solche Entwicklungen kü mmern? Und wie sollte diese Sorge sich manifestieren? Auf welcher Aktivitätsebene kann das Management von einem Verständnis der Merkmale der neuen Zivilisation, in der wir leben, profitieren? Und wenn es nicht direkt profitieren, wie dann zumindest Schaden umgehen? Schliesslich verlor Sculley seinen Job; und die Zahl der Senior-Manager, die eine Stelle suchen – nachdem ihre Positionen Unternehmens-Restrukturierungen zum Opfer fielen –, hat in einem Masse zugenommen, das man in einer Zeit wachsender Wirtschaftskraft kaum erwarten wü rde.
Viele der erwähnten Ereignisse untergraben das Sicherheitsgefü hl, fü r das die meisten Menschen (einschliesslich Manager), ob sie nun direkt betroffen sind oder nicht, hart gearbeitet haben und es nun erwarten. Der historische Fortschritt verwirrt sie. Wenn die oben erwähnten Ereignisse als unabhängig voneinander zu begreifende Begebenheiten interpretiert werden, verdü stert das die Perspektive oder macht sie vollends zunichte. Ist die stark abnehmende Zahl von Kirchgängern und der hohe Umfang schneller Transaktionen in den globalen Weltmärkten nur ein zufälliges Zusammentreffen? Hat AIDS irgendetwas zu tun mit der Ablösung der Schreibmaschine durch Textverarbeitungsprogramme? Sind höhere Geschwindigkeiten (der Bewegung, Verarbeitung, Kommunikation usw.) irgendwie mit den Eigentü mlichkeiten des Alterns in unserer Zeit korreliert? Diese Fragen werden in diesem Beitrag nicht direkt beantwortet werden können, aber zumindest gibt es entsprechende Anspielungen. Eine Voraussetzung fü r die Bemü hung um sinnvolle Antworten ist, die Welt der Ereignisse in ihrer Ganzheit zu sehen, und nicht in einer Ansammlung beziehungsloser Inseln.
Zufällige Wogen aller Art (Arbeitslosenzahlen, Kosten des Gesundheitswesens, die zunehmende Internet-Nutzung usw.) können uns zeitweise ü berwältigen. Um Unterschiede zu machen, sollten wir eine breite Perspektive haben. Daher nähern wir uns unvermeidlich der Rolle der zugrundeliegenden Struktur menschlichen Lebens und menschlicher Aktivität an, aus der Sequenzialität und Determinismus entspringen und in den Zustand unseres Selbst als tätige und soziale Wesen eingebettet wurden. Sequenzierung ist nicht mehr als die Erzeugung einer Kette aufeinanderfolgender Handlungen. Es ist wie Schreiben: Ein Buchstabe folgt auf den anderen. Das Wort oder der Satz ist eine grössere Sequenz. Manche Sequenzen sind linear: Beginnen Sie mit einem Stü ck Metall, bearbeiten Sie es gemäss einem Plan, ü bergeben Sie das entstandene Stü ck an das nächste Produktionsverfahren. Innerhalb linearer Sequenzen bleiben Ursache und Wirkung eng zusammen. Zum Beispiel bestimmt die Kraft, die aufgewendet wird, um ein heisses Stü ck Eisen zu hämmern, das Ergebnis. Die Struktur der Sequenzen, lineares Vorangehen und Determinismus erzeugen auch den Boden fü r Hierarchie – was am wichtigsten erachtet wird – und Zentralismus – um welchen Ort oder welches Ziel ein ganzer Prozess kreist. Alle diese Merkmale menschlicher Arbeit und menschlichen Lebens sind eingebettet in die Schriftkultur und bleiben dadurch erhalten. Die Landwirtschaft folgt in ihren Erfahrungen der Abfolge der Jahreszeiten und akzeptiert den Determinismus natü rlicher Phänomene. Die Industriegesellschaft, unterworfen einem mechanischen Determinismus in der Produktion sowie dem Zentralismus und der Hierarchie im Management, unterscheidet sich in ihren Erfahrungen nicht grundsätzlich von der Landwirtschaft. Die neue Zivilisation resultiert demnach aus Veränderungen in der zugrundeliegenden Struktur der menschlichen Aktivitäten.
Woher kommt die Veränderung?
Die zugrundeliegende Struktur bezieht sich auf das Fundament, auf dem die Dinge oder Ereignisse, die wir erleben, beruhen. Die zugrundeliegende Struktur eines Hauses ist statisch, bestehend aus dem Fundament und dem Gebälk. Das veränderliche genetische Material der Lebewesen (einschliesslich des Menschen) ist ein Beispiel fü r eine dynamische zugrundeliegende Struktur. Kognitive Merkmale eines menschlichen Wesens, einschliesslich der Sprachbenutzung – insbesondere der geschriebenen Sprache – sind Teil dieses Fundamentes. So widerspiegelt sich die dynamische Struktur der menschlichen Aktivität schliesslich und endlich in den Eigenarten des gesellschaftlichen Lebens. Und so sind die Beziehungen zwischen dem, was wir sind (biologische Anlage) und wie wir unsere Identität durch unsere Taten zum Ausdruck bringen (pragmatischer Rahmen).
Transformationen der zugrundeliegenden Struktur vollziehen sich ü ber längere Zeiträume. Die Modifikationen erreichen eine bestimmte Schwelle und lösen dann in der Welt unserer konkreten Existenz sich rasch entwickelnde Sequenzen des Wandels aus. Die Natur der Verbindungen zwischen solchen Modifikationen und Veränderungen unserer tatsächlichen Existenz reicht jenseits von Ursache und Wirkung. Manchmal wird Veränderung durch menschliches Handeln ausgelöst. An Gebäuden werden alte zugrundeliegende Strukturen verändert, um neue Funktionen zu ermöglichen. Grundlegende genetische Manipulation auf der Ebene der zugrundeliegenden Struktur des Lebendigen fü hrt zu Biomedizin, Biopharmazie, Bioagrikultur usw. Beachten Sie als Ergebnis die wachsende Zahl der Produkte aus der biogenetischen Branche. Beachten Sie als ein weiteres Beispiel die Bildung und Verwendung neuer Sprachen in Biologie, Mathematik und anderen spezialisierten Bereichen. Die Sprache der Bü rokratie ist wahrscheinlich das Beispiel, mit dem die meisten von uns vertraut sind. Die Mehrheit solcher Sprachen ergibt sich aus menschlichen Aktivitäten, die bessere Ausdrucksmöglichkeiten brauchen, um Ziele zu formulieren und neue Mittel zu schaffen, um diese zu erreichen. Es handelt sich nicht notwendigerweise um gesprochene Sprachen, aber sie folgen einer Grammatik und einer Syntax. Einmalige pragmatische Bemü hungen, wie etwa das digitale Rechnen, fü hren zur Entwicklung von Programmiersprachen. Der genetische Kode und seine Manipulation fü hren zu einem anderen Satz neuer Sprachen, ebenso beeindruckend wie jene des elektronischen Rechnens.
Ein qualitativer Wandel in der zugrundeliegenden Struktur hat Konsequenzen fü r das, was wir tun und wie erfolgreich wir unsere Konzepte verwirklichen. Erlauben Sie mir noch einige Beispiele anzufü hren, vielleicht näher an der unternehmerischen und industriellen Praxis. Als die Energie von Wasserfällen durch die Dampfmaschine ersetzt wurde und diese ihrerseits durch Elektrizität, hatten wir eine Abfolge von qualitativen Veränderungen, aus der eine Vielzahl neuer Aktivitäten resultierte. Effizienz in der Produktion und im Transport war nicht mehr von Wasserwegen abhängig. Unternehmer konnten auf Alternativen zur Wasserkraft bauen und hatten demnach mehr Auswahlmöglichkeiten fü r Fabrikstandorte und mehr Bewegungsfreiheit. Selbst bevor die Wasserkraft nutzbar gemacht wurde, erzeugten Textilfabriken Stoffe. Aber sie brachten auch die vielen Berufsstände hervor, die auf der Verarbeitung ihrer Produkte basierten. Stahlwerke und Maschinenfabriken liessen sogar noch mehr Berufe entstehen. Sie waren im Effekt Fabriken von Fabriken, die Differenzierungen auf dem Arbeitsmarkt bewirkten. Diese Differenzierungen konkretisierten sich in einer wachsenden Zahl neuer Spezialisierungen und Berufe, die gewöhnlich unter einem Fabrikdach ausgeü bt wurden. Manager fü r Arbeitsorganisation, Finanzen und Personal wurden innerhalb jener Arbeitsstrukturen notwendig, die Hierarchie verkörperten und zentralisiertes Planen erforderten. Ihr modus operandi wurde von den Merkmalen der zugrundeliegenden Struktur der menschlichen Aktivität vorgegeben, die sich bis zum industriellen Zeitalter entwickelt hatte.
Die Verwendung von Maschinen – kraftvolle, sequenzielle und hierarchische Arbeitsinstrumente – bedingten eine Zunahme der menschlichen Produktivität von mehreren Grössenordnungen verglichen mit dem, was Individuen vorher bewerkstelligen konnten. Obwohl nicht in direktem Zusammenhang mit einem in einer Textilfabrik erzeugten Stü ck Stoff oder mit der industriellen Verarbeitung von Metall, waren die sozialen Veränderungen sogar noch dramatischer. Gemeinschaften bildeten und entwickelten sich um neue pragmatische Zentren – die der industriellen Produktion. Während des vorindustriellen Zeitalters entstanden Gemeinschaften aus anderen pragmatischen Grü nden: zum Schutz vor Feinden, fü r landwirtschaftliche und kommerzielle Aktivitäten, fü r religiöse Zwecke. Siedlungen von folgerichtiger Funktion wurden zunehmend unter Berü cksichtigung breiterer Zugänglichkeit von Ressourcen, sowohl natü rlicher als auch von Menschen erzeugter errichtet.
Wenn Beständigkeit verschwindet
Unser gegenwärtige Zustand ist noch aussagekräftiger, was die Reichweite der Neugestaltung der zugrundeliegenden Struktur angeht. Phänomene wie Arbeit, Märkte, Diät, Kommunikation, Familienleben, sexuelle Beziehungen, Migration bis hin zum Zusammenbruch von Imperien wurden bereits erwähnt. Fü r sich genommen, erscheint jeder erwähnte Aspekt der Definierung des gegenwärtigen pragmatischen Kontextes ebenso wohl definiert. Wir haben eine Ansammlung klarer, isolierter Schnappschü sse. Einer zeigt uns, wie viele Menschen in den letzten Jahren ihren Arbeitsplatz verloren haben. Ein anderer definiert den Prozentsatz an GNP, der in den letzten Jahren fü r die Gesundheitsfü rsorge ausgegeben wurde; ein anderer zeigt, dass Videos Printerzeugnisse verdrängen; ein anderer, dass das Internet zu einem Medium menschlicher Interaktion wird. Andere Schnappschü sse offenbaren, was Menschen essen (fast 70 Prozent der US-Bü rger leben von “fast food”) und wieviele Menschen schreiben (immer weniger). Eine Aufnahme bezieht sich auf Transformationen, die unsere Welt beeinflussen, von lokalen Aspekten bis hin zur globalen Wirklichkeit. Eine andere rü ckt unsere Sorgeü ber AIDS vor dem Hintergrund der Familie und des Sexualverhaltens in den Mittelpunkt.
Die Behauptung, dies sei eine Zeit des Wandels, heisst eine schiere Banalität zu äussern. Was fü r eine Art des Wandels dies ist und welche Kräfte am Werk sind, um diesen Wandel zu vollziehen, sind nicht bloss rhetorische oder theoretische Belange. Sie betrachten die menschliche Existenz und das Überleben der Arten. Darü ber hinaus betrachten sie die Fähigkeit, Richtungen zu definieren, die den momentanen oder langfristigen Zielen angemessen sind. Zeitweise scheinen alle Entwicklungen, die wir erleben, ein Eigenleben zu haben. Manager kennen wahrscheinlich die Frustration jener Augenblicke, wenn sie sich sagen mü ssen: Ich habe alles nach bestem Wissen und Gewissen getan, alles, was ich gelehrt wurde, und alles, was ich aus Erfahrung gelernt habe, und doch ist das Ergebnis nicht so, wie ich es erwartet habe! Wir verstehen den Prozess, haben aber Schwierigkeiten zu erkennen, wie die Ziele der Gesellschaft und unsere individuellen Interessen harmonisiert werden können. Was fü r ein Unternehmen gut ist, könnte mit den Interessen der Gesellschaft im Konflikt stehen, und wechselweise, was die Gesellschaft zu suchen scheint, könnte Unternehmen davon abhalten, angemessen und optimal zu wirtschaften.
Die bemerkenswerteste Errungenschaft des Schreibens ist die Verwirklichung einer Dimension der Beständigkeit. Das geschriebene Wort ü berlebt im Gegensatz zum gesprochenen denjenigen, der es hervorbrachte. Mit dem Buch erweckt das Schreiben eine Erwartung der Beständigkeit der Konzepte (philosophischer, religiöser, wissenschaftlicher) als auch fü r Objekte. Generationen lebten mit der Erwartung von Beständigkeit, die im religiösen Glauben, im Familienleben, in der Arbeit, in den Institutionen (Militär, Regierung, Universitäten) verkörpert war. Nun ist all dies im Begriff zu verschwinden, und niemand weiss, was, wenn ü berhaupt etwas, die Beständigkeit ersetzen kann, wie die Beständigkeit eines Arbeitsplatzes.
Wenn relative Beständigkeit verschwindet, wird es extrem schwierig, die nächste Kurve auf der mäandrierenden Strasse der Existenz auszumachen. Zum Beispiel im Prozess der Restrukturierung von Unternehmen, der eventuell eine Parallele hat in den Kü rzungen der Regierungen, wird die Dezentralisierung das Bü ro, wie wir es kennen, ü berflü ssig machen. Andere Arbeitsplätze wie das Fliessband oder die Produktionshalle werden sich ebenfalls verändern. Die globale Informationsinfrastruktur unterstü tzt in ihrer Entfaltung eine zunehmend vernetzte Wirtschaft. Arbeit vollzieht sich immer häufiger im Informationsnetz. Solch ein Informationsnetz, entweder Teil des Breitbandnetzes eines Unternehmens oder einer Stadt oder verkörpert im schon oft verkü ndeten Information Superhighway, wird kreative und produktive Interaktion möglich machen. Aber es wird auch Herausforderungen fü r die Verfassung des werktätigen und des sozialen Gewebes bringen – oder fü r den Zustand des Individuums, das zu einem Knoten im Netz wird.
Das Zeitalter geht zu Ende, in dem kritische Entscheidungen an der Spitze getroffen werden, worauf viele Tatsachen hindeuten. Monarchie und Diktatur – die Erwartungen von Beständigkeit, ja von Ewigkeit erwecken – verkörperten zentralisierte Macht und Hierarchie, Strukturen, denen in der vertikalen Struktur der Unternehmen und in ihren physischen Anlagen nachgeeifert wurde. Beispiele vom Ende der alten zugrundeliegenden Struktur können ü berall um uns herum wahrgenommen werden. Einige sind offensichtlich: Könige, Königinnen, sogar Präsidenten werden blosse Repräsentationsfiguren der Regierungen. Kirchen werden verkauft, weil ihre Erhaltung zu teuer ist oder niemand sie genü gend schätzt, um fü r ihre Erhaltung zu bezahlen. Oder sie werden in Museen, Theater oder Galerien umgewandelt, d.h. eine andere Form von shopping malls. Pompöse Räume des Firmenaufsichtsrates werden aufgegeben. Unternehmen werden gestrafft, um wettbewerbsfähiger zu werden. Macht wird von den Aufsichtsratsräumen abgezogen und an Teams von Mitarbeitern und Aktionären ü bergeben. Militärische Befehlsmuster werden ersetzt durch verteilte Verfahren der Informationsverarbeitung. ?konomische Verfahren, die auf Autorität und Hierarchie basieren, verkörpert in der vertikalen Struktur, werden in Frage gestellt. Diese Beispiele spielen auf eine neue zugrundeliegende Struktur und eine neue Zivilisation an.
Die Zivilisation des Analphabetismus
Der gegenwärtige Kontext der Veränderung und des Durcheinanders ist nicht leicht zu definieren. Das einfü hrende Potpourri aufeinanderfolgender Beispiele dient bloss der Illustration dieses Kontextes. Der gemeinsame Nenner der verschiedenen Ereignisse, die ich bisher erwähnt habe, scheint der Wechsel von einer Zivilisationsform zu einer anderen zu sein. In der Sprache der TV-sound-bites, die Vorrang vor allem haben, was wir durch die Schriftkultur geerbt haben, befinden wir uns in einer des Schreibens nicht kundigen Zivilisation. Eine zugänglichere Beschreibung dieser Behauptung ist die folgende: Die Schriftkultur, wie sie im pragmatischen Kontext der industriellen Gesellschaft erschien, erweckte Erwartungen der Beständigkeit und des Fortschritts. Unter den neuen pragmatischen Bedingungen, die die Menschen erleben, werden solche Erwartungen kontraproduktiv. Die Dynamik des Wandels reflektiert und wird weiterhin pragmatische Mittel und Methoden erfordern, denen die Schriftkultur nicht mehr angemessen ist. Entsprechend wird sich trotz aller Anstrengungen und Investitionen fü r die Schriftkultur eine ständig wachsende Zahl von Menschen als schreibunkundig erweisen. Das heisst, sie bauen immer weniger auf die Kenntnis des Schreibens und entsprechende Strukturen. †berraschend ist fü r diejenigen, die innerhalb der geheiligten Strukturen der Schriftkultur aufgewachsen sind, dass deren Leistung durch ihre relative Unfähigkeit, zu lesen und zu schreiben, nicht geschmälert wird.
Die Zivilisation des Analphabetismus ist wahrscheinlich schwerer zu verstehen, als zu leben. In dieser neuen Phase der menschlichen Geschichte wird die Kenntnis des Lesens und Schreibens effektiv ersetzt durch viele Teilschriftkulturen. Die Beständigkeit, zum Vertrag der Schriftkultur gehörig, widerspiegelt in den pragmatischen Aspekten der industriellen Gesellschaft, macht Platz fü r nachfolgende Verzweigungen. Diese umreissen die vielen Wege unbeständiger, transitorischer und sporadischer Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Einige dieser Mittel sind nicht mehr die exklusive Domäne menschlicher Wesen. Sie sind verkörpert in den neuen Maschinen, die wir verwenden, und in den Programmen, die wir entwickeln. Um sie möglich zu machen, mü ssen wir Bilder, Töne, Sprachen der Logik, Biologie oder Mathematik verwenden. Fortschritt als lineare Kontinuität wird ersetzt durch einen Kurs alternativer Lösungen. Im Herrschaftsbereich der auf der Schriftkultur basierenden Natur- und Geisteswissenschaften war es der Rationalität nicht bewusst, dass es fü r sie einen Plural gibt. Heute treiben uns Rationalitäten aller Art auf den vielen Wegen möglicher Entwicklungen. In Zukunft ist es in dieser neuen Zivilisation nicht mehr notwendig, des Schreibens und Lesens kundig zu sein, um zu funktionieren.
Ein entscheidender Wandel vollzieht sich im kognitiven Fundament, letztendlich der Quelle der gewachsenen Effizienz menschlicher Pragmatik. In den ursprü nglichen Stadien der menschlichen Entwicklung waren physische Fähigkeiten essenziell. Mit der Zeit nahm ihre Bedeutung ab und sie wird es weiterhin tun. Alternativ vervielfältigten sich die auf Erkenntnis beruhenden Funktionen und ermöglichten effektivere Aktivitäten, einschliesslich der besseren Nutzung und Anwendung natü rlicher Fähigkeiten. Suche nach Wissen und seine kreative Anwendung ist möglicherweise die offensichtlichste der kognitiven Funktionen. Mittel und Methoden der menschlichen Interaktion, des Ausdrucks und der Kommunikation sind nicht weniger wichtig. Zusammen bilden sie eine zugrundeliegende Struktur, die der Menschheit eigentü mlich ist. Auf diesem Fundament beruht ein grosser Teil der Zivilisation der Schriftkultur.
Gegenwärtig erfahren wir einen fundamentalen Wandel. Die kognitive zugrundeliegende Struktur, zugehörig zu den Aktivitäten, mit den Merkmalen der Sprache ü bereinstimmed, wird ersetzt durch eine breitere Struktur. Diese Struktur, an mehr als die sogenannte natü rliche Sprache angepasst, widerspiegelt die Interaktion zwischen der natü rlichen und der vom Menschen erzeugten. Immer mehr menschliche Aktivitäten entfalten sich parallel in dem Masse, wie die Sequenz der Konfiguration Platz macht. Anstelle von aufeinanderfolgenden Schritten fü hren parallele Operationen nicht nur zur Produktion eines Chips, sondern auch zum Managementstil eines Unternehmens. Linearer Fortschritt macht Platz fü r nach oben offene Möglichkeiten, die verfolgt werden können, wie es die Situation erfordert. Diese Offenheit manifestiert sich in den veränderlichen Bü ndnissen, die Unternehmen eingehen, um extreme Situationen zu meistern. Als der Kommunikationssatellit PanAmSat Galaxy IV, der 80 Prozent der Pagers auf der Welt unterstü tzt sowie viele Fernsehprogramm-Relais, zusammenbrach, bemerkten Ärzte, Polizisten, Börsenmakler und Krankenschwestern die Unterbrechung des Service ü berhaupt nicht, aufgrund der Offenheit und Variabilität unter den Unternehmen im gegenwärtigen wirtschaftlichen Kontext. Pipeline, Kabelsysteme und Stromnetzfirmen arbeiten auf dieselbe Weise. Auf diese Weise wurde die Deregulierung des Fernsprechwesens und der Elektrizitätsversorgung ü berhaupt möglich. Nichtdeterministische Prozesse sind weniger anfällig fü r Störungen als eine deterministische Maschine. Und nichtdeterministisches Management muss die Aktivitäten der Menschen, die gefü hrt werden, verstärken, nicht einschränken – eigentlich die zu managenden Prozesse, da Management von Individuen letztlich höchst ineffizient ist.
Management in der neuen Zivilisation
Lassen Sie uns zurü ckkehren zu den Beispielen, die wir zu Beginn unserer Fragestellung anfü hrten. Es ist klar: Das was Unternehmen beschnitten haben, als sie ihre Arbeitskräfte reduzierten, waren die Betriebskosten der Schriftkultur. Aber dies ist eine grobe Erklärung. Andere Managementschichten, die aus dem industriellen Zeitalter der vertikalen Integration mitgeschleppt wurden, werden weiterhin verdrängt, sogar während ich diesen Artikel schreibe. Unnötige Aktivitäten, die dazu tendieren zurü ckzukehren, nachdem sie schon einmal gestrichen worden waren, werden durch einen Neuentwurf des Geschäftsprozesses immer mehr blockiert. Mechanismen der Informationsverarbeitung werden in die Arbeit integriert. Sie verändern das Managementwesen fundamental. Multidisziplinäre Teams, die in einem Modell des Selbstmanagements arbeiten, ü berprü fen Unternehmensprozesse von vielen Perspektiven aus. Von Personen ausgefü hrte Funktionen, die auf Schreiben und Lesen beruhen, wie etwa die Koordination zwischen Abteilungen oder mit Vertragspartnern und Verteilern, sind ü berholt. Maschinen können dasselbe effizienter leisten und reduzieren die Fehlerspanne. Informationsverarbeitung beim Verkauf ersetzen das Inventarmanagement und teure Bestellverfahren. Vorbei ist es mit den Strukturkomponenten der industriellen Gesellschaft, die eine niedrige Produktivität bedingten und die auf den Erfordernissen und Möglichkeiten der Schriftkultur beruhten. Vermittelnde administrative Funktionen benötigten häufig extensive Schreibarbeit. Sie wurden durch die impliziten Erwartungen eines gemeinsamen Hintergrundes der Schriftkultur gefördert, können aber nun nicht mehr gerechtfertigt werden. Auf diese Weise vollzieht sich der Tod der Mitte. Nichts Heroisches, nichts Bedauerliches, es sei denn man gehört selbst zur Mitte (in diesem Fall zum mittleren Management).
Die Interaktion zwischen Menschen und menschlichen Artefakten macht die Erwartungen eines gemeinsamen schriftkundigen Hintergrundes ü berflü ssig. Konsequenterweise sind Berufe und Unternehmen, die in diesem Kontext in Erscheinung treten, ihrem Wesen nach des Schreibens nicht kundig, gleichgü ltig, was Unternehmer und Individuen, die mit gegenwärtigen Geschäftsentwicklungen befasst sind, uns erzählen. Sie mü ssen nicht lesen und schreiben können, um im Reich des Virtuellen zurechtzukommen oder an der vernetzten Wirtschaft teilzunehmen. Die globale Informationsinfrastruktur bietet Ersatzmittel und neue Transaktionsmethoden.
In einem Kontext kü rzerer Design-, Produktions- und Verbrauchszyklen werden Mittel erfunden und eingesetzt, die schneller sind als jene die auf der Schriftkultur beruhen. Solche Mittel widersprechen den Erwartungen der Beständigkeit, die der Schriftkultur innewohnen. Ihre raison dÕ�tre ist der ständige Wandel. Alle diese Veränderungen definieren einen neuen pragmatischen Zustand: die Möglichkeit, in immer schnellerem Grade effizient zu sein. Indem das Mögliche verwirklicht wird, wird es auch notwendig. Restrukturierung betont Produktivitätsziele und effizientere Wege, sie zu erreichen. Maschinen, ursprü nglich entworfen und gebaut aufgrund der Annahmen und Möglichkeiten, die durch die Schriftkultur eröffnet wurden (Sequenzialität, Hierarchie, Zentralisierung, Beständigkeit), wurden automatisiert. Dies half, den Brennpunkt von den Herstellungsfertigkeiten und von physischer Leistungskraft auf Kontrollfunktionen zu verschieben. Was im Reiche der Schreibkundigkeit menschliche Interaktion war, wird ersetzt durch Interaktionen zwischen Menschen und von Menschen hergestellten Artefakten. Demnach verschiebt sich der Brennpunkt hin zum Entwurf automatisierter Prozesse und zur Programmierung. Konsequenterweise werden verteilte Modelle und Parallelismus erforscht. Als die Amerikaner sich von den Beschränkungen der britischen Monarchie befreiten – und ich wü rde behaupten, dass hier der Beginn der Zivilisation jenseits der Schriftkultur zu orten ist – ersetzten sie den Zentralismus durch verteilte Arbeitsweisen, wie sie ihn schon frü her durch eine verteilte Politik ersetzt hatten. Gegenwärtig verwirklichen sie entlang derselben Tendenz parallele Verfahren. Hierarchie, wenn nicht vollkommen ü berholt, macht Platz fü r gemeinsame Verantwortung, die von einem Team getragen wird. Japan, vor nur wenigen Jahren ein Modell fü r viele kurzsichtige Manager, bereitet sich auf die herausforderndsten Zeiten seiner Geschichte vor, eben weil die machthabenden Kräfte immer noch Ressourcen (menschliche, finanzielle, technologische usw.) widerrechtlich entziehen, während sie eine zugrundeliegende Struktur erhalten, die ihre Notwendigkeit ü berlebt hat.
Mittel und Methoden gehen idealerweise Hand in Hand. In der Wirklichkeit – und deshalb erwähnte ich Japan, aber ich hätte auch Deutschland erwähnen können – gibt es immer eine Kluft zwischen ihnen. Dies erklärt, warum zeitweilig neue technologische Mittel mit einem Vorsprung vor unseren Methoden erscheinen. Wir wissen dies von der Tatsache, dass Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur und im Wesen der Arbeit nicht gefolgt wurden von sozialen und politischen Veränderungen derselben Amplitude. Deutschland ist hier ein Beispiel, ü ber das Manager unvermeidlich nachdenken. Politik, die die Ursache wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts hinausposaunt, ist immer noch höchst zentralisiert und hierarchisch. Unternehmen entdecken die Anreize verteilter Arbeit, des Parallelismus und die Vorteile des virtuellen Bü ros und virtueller Läden. Aber ziemlich ü berraschend fü r eine selbstdeklarierte freie Marktwirtschaft begegnen sie trotzdem einer Tendenz, Entscheidungen zunehmend von oben nach unten zu treffen, am auffallendsten exemplifiziert durch die Europäische Gemeinschaft. Sie und eigentlich jeder andere auch wü nschen, dass die Politik, die ihre Aktivität durch Regulationen beeinflusst, sich ebenfalls restrukturiert. Und wie alle im Lande bemerken sie die steigenden Kosten fü r die Erhaltung von Strukturen grosser Trägheit, insbesondere in der Regierung. Der Prozess, Zentralismus und Hierarchien abzuschaffen, findet nicht durch Proklamation statt. Aber er kann durch Kräfte verlangsamt werden, die Werte und Erwartungen verkörpern, die dem pragmatischen Rahmen der Schriftkultur eigen sind. Staaten fallen sicher unter diese Kategorie.
Die Merkmale der zugrundeliegenden Struktur sind das fundamentale Element. Management in der neuen Zivilisation ist nicht mehr und wird nie mehr sein, was es in der Zivilisation der Schriftkultur war. Das Versäumnis, die neuen Notwendigkeiten zu verstehen, kann nur in der Unfähigkeit resultieren, den Erwartungen gemäss zu managen, die von den Mitteln und Methoden der neuen Zivilisation hervorgebracht werden. Dass in dieser neuen Managementpraxis Informationsverarbeitung und auf Wissen beruhende Verfahren eine zunehmend wichtige Rolle spielen, ist ein Thema fü r einen anderen Zeitpunkt.
Lektü re zur Thematik
Nadin Mihai
The Civilization of Illiteracy
Dresden University Press, Dresden 1997
Flusser Vilèm
“Von linearen Entscheidungen zu synthetischen Projektionen”
in gdi-impuls 4/89


Posted in Post-Industrial/Post Literate Society

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