Every known form of energy is the expression of difference.

http://www.nadin.ws/archives/2056

To see better and farther

German and English text of the Address for the 100-year celebration of the Free German Youth day on the Hohe Meissner (October 11-12, 2013)
PDF

German and English text of the Address for the 100-year celebration of the Free German Youth day on the Hohe Meissner (October 11-12, 2013)
PDF
Festschrift Meißner 2013 100 Jahre Freideutscher Jugendtag auf dem Hohen Meißner Hrsg. von Peter Stibane und Felix Prautzsch Wandern ist Vorwegnahme*
* Ursprünglich unter dem Titel: „You, the young, see better and farther than we can“. Übersetzung aus dem Englischen von Christophe Fricker.
Ihr Jugendlichen, die Ihr Euch auf dem Hohen Meißner trefft, um Euch daran zu erinnern, dass vor 100 Jahren andere Jugendliche dort ihre Unabhängigkeit bekundeten, fragt Euch wahrscheinlich, warum ein Herr mit eigenartigem Namen (Mihai? Nie gehört!), der an einem eigenartigen Ort lebt (ja, Texas ist wirklich eigenartig, das sehe ich auch immer noch so), Euch bittet, seinen Worten etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Wir sind keine Facebook- Freunde. Wir folgen einander nicht auf Twitter. Wir schreiben einander keine Text-Nachrichten. Wir verabreden uns nicht auf Konzerten. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Ihr auf meine Forschung (schaut mal rein: www.nadin.ws) aufmerksam wurdet. Vielleicht ja jetzt!
Ob Ihr es glaubt oder nicht, wir haben darüber hinaus, dass wir als „Menschen“ durchgehen, noch so einiges gemeinsam. Damals, in dem Land, in dem ich geboren wurde und in dem es mehr Einschränkungen als Freiheiten gab, habe ich genau das gemacht, was auch die jungen Menschen unternahmen, die sich 1913 zum Hohen Meißner aufmachten. Ich gab meinem Willen Ausdruck, Autoritäten herauszufordern und meine Freiheit selbst zu definieren. Wenn Ihr mir einen Augenblick Zeit gebt, erzähle ich Euch von einer der vielen Begebenheiten, die sich damals dort ereigneten und an die ich mich gut erinnere.
Ich war mit meinen Freunden in den Karpaten. Eines Abends saßen wir am Lagerfeuer und einer berichtete von einer Pest und ein paar besonderen Leuten, die ihre Charakterfestigkeit dadurch bewiesen, dass sie sich widersetzten. Damals wurden Bücher wie Albert Camus’ Die Pest der Bevölkerung vorenthalten. Mein Bekannter nannte den Buchtitel nicht – man konnte nie vorsichtig genug sein.
In gewisser Weise war unser Lagerfeuer ein Widerstandssymbol. Die Behörden konnten unsere Gefühle und unsere Fragen nicht kontrollieren, dort oben in den Bergen. Kaum etwas hat mich so geprägt wie die Entdeckung der Freiheit auf unseren Erkundungstouren durch die transsylvanischen Berge. Noch heute gehe ich überall wandern.
Vor hundert Jahren dachten die Jugendlichen auf dem Hohen Meißner nicht dasselbe wie meine Freunde, mit denen ich die Zeit schlafend im Zelt verbrachte, Geschichten erzählend am Lagerfeuer und selbstgekochtes Essen verspeisend, ohne von Kochkünsten irgendeine Ahnung zu haben.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatten viele das Bedürfnis, ihre Freiheit gegenüber Politikern und Behörden zu behaupten, die für Hunger, Krankheiten und Tod verantwortlich waren. Unter den Teilnehmern auf dem Ersten Freideutschen Jugendtag waren Denker, die auch mich beeindrucken – Walter Benjamin, Paul Natorp, Rudolf Carnap – und der Dichter Ferdinand Avenarius.
Meine Wandererfahrung machte ich nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Krieg brachte dem Weltteil, in dem ich lebte, die Diktatur, die die freideutschen Jugendlichen ablehnten und die sich doch später in Deutschland etablieren und so viel Leid und Tod in Europa verursachen konnte. Diktaturen lassen sich nicht vergleichen – das Leben unter der einen Tyrannei ist anders als das unter der nächsten. Aber wir dürfen nie vergessen, dass wir es uns selbst schuldig sind, unsere Freiheit zu suchen und denen zu widerstehen, die sie beschneiden wollen. Und das sind heute so viele!
Jede junge Generation will sich behaupten. Das ist keine Überraschung. Wer aber den Willen zur Selbstbestimmung nur als biologische Tatsache versteht, macht einen schweren Fehler. Eine Bewegung wie die freideutsche Jugend erringt ihre eigenen Werte. Heute wäre es naiv, wenn nicht sogar albern, Abstinenz zu fordern. Ich habe mir die wenigen Filmaufnahmen vom Treffen 1913 angesehen. Junge Männer und Frauen in zeitgenössischen Kleidern genossen es, von zu Hause weg zu sein, und tanzten um einen Maibaum, aßen ihre Brotzeit. Fast ein Idyll. Heute ist alles schnell, ist alles massenhaft vorhanden, schlagen viele über die Stränge. Heute wird überall getextet und gesextet, gibt es Drogen, laute Musik, Schimpfworte und Obszönitäten, gibt es Leute, die krank sind, weil sie zu viel sitzen. Die Antwort auf die Ansprüche der Mittelmäßigkeit kann nicht sein, dass wir das Leben, wie es sich uns darstellt, einfach ignorieren. Aber wir können, wie die Jugendlichen 1913, Widerstand leisten. Ihr Jungen könnt klarer und weiter vorausschauen als wir.
Ohne Euch zu nahe treten zu wollen, möchte ich Euch eines mit auf den Weg geben: Die weiche Tyrannei all unserer modernen Abhängigkeiten ist nicht weniger gefährlich als die harte Tyrannei der Autorität. Wie gern würde ich mit Euch wandern, Eure Lieder singen und erleben, wie Ihr Euch ausdrückt und verwirklicht. Ihr braucht mich auf Eurem Weg zu Euch selbst nicht so dringend, wie ich Euch als Quell der Erneuerung brauche. Denn es ist eine große Ehre, von Jüngeren herausgefordert zu werden, die weiter sehen können, als meine Augen und mein Geist es mir heute ermöglichen.
Wenn Ihr einen Moment Zeit habt, sagt mir doch, was Ihr denkt und erlebt (nadin@utdallas.edu). Solange Ihr Euch selbst sorgsam und achtsam behandelt, könnt Ihr das wunderbare Geschenk des Jungseins genießen und all die herausfordern, die Euch einschränken wollen. Lasst es Euch gut gehen! Einen schöneren Ausdruck der Dankbarkeit könnte ich mir nicht vorstellen.
Mihai Nadin, geboren 1938 in BraÅŸov, Rumänien. Informatiker und Philosoph. Seit seiner Emeritierung arbeitet er weiter auf dem Gebiet der Antizipationsforschung an dem von ihm mitbegründeten Institut für Antizipationsforschung ANTE an der University of Texas at Dallas. Eine Fülle von Informationen über Mihai Nadins Lebensweg und sein Werk sind im Internet verfügbar. Sein 28. Buch erschien vor Kurzem; über 200 Aufsätze veröffentlichte er in wissenschaftlichen Zeitschriften. Mehr als 12 000 Studenten aus der ganzen Welt lernten mit ihm, 500 von ihnen erhielten den Doktortitel. Wer aber wirklich wissen will, wofür Mihai Nadin steht, der müsse, so sagt er, mit ihm wandern gehen. Sein ganzes Leben lang sei es ihm eine Ehre gewesen, von anderen zu lernen, und diese Möglichkeit wolle er noch lang nicht aufgeben – schließlich sei auch die Liebe eine Lernerfahrung.
You, the young, see better and farther than we can
Invited address for the 100-year celebration of the Free German Youth day on the Hohe Meissner (October 11-12, 2013)
You, the young who will meet on the Hohere Meissner to remember that 100 years ago other young people met to affirm their independence, will wonder why somebody with a strange name (Mihai? Noch nie gehoert!) and from a strange place (yes, Texas is strange, even for me), would like you to read his words. We are not friends on Facebook. We do not exchange tweets. We don’t text with each other. We don’t meet at the pop-music concerts. Chances are minimal that my research interests (take a look: www.nadin.ws) ever came to your attention. Maybe after today!
Believe it or not, besides the fact that we share in the qualifier “human beings,” we do have quite a bit in common. Back in the country where I was born, during a time of more restrictions than liberties, I did exactly what those who made it to the Hohere Meissner in 1913 did in their time. I expressed my determination to challenge authority and to define my own freedom. If you have some patience, I will share with you one of my many memories of that time and place.
I was in the Carpathian Mountains with my friends. We sat one evening around the campfire, and one of us was telling a moving story about a plague and some strange characters who proved their strength of character by resisting. In those years, books such as Albert Camus’ The Plague (La Peste) were kept away from the population. He did not mention the title, in those days you could never be careful enough. Our campfire was, in its own way, a symbolic moment of resistance. The authorities had no control over our feelings and questions, high up where we were in the mountains. If anything formed my own character, it was the discovery of freedom in exploring the mountains of Transylvania. I continue to enjoy hiking wherever I go.
One hundred years ago, those who met on the Hohere Meissner had something else in mind than what my friends had, with whom I shared a tent, stories around the campfire, and food that we cooked without any understanding of what gastronomy is. After World War I, many people discovered the need to ascertain their own freedom against those authorities that brought about hunger, disease, and death. I cannot ignore the fact that among those who were present in the Ersten Freideutscher Jugendtag was Walter Benjamin, Paul Natorp, Rudolf Carnap, and the poet Ferdinand Avenarius. My mountain hiking experience took place after World War II. The war brought to the part of the world where I lived the dictatorial style that the young people in the Freideutscher Jugend rejected, but which eventually took hold of Germany and cost so much misery and death in Europe. You can never compare dictatorships; you can never compare life under tyrannical regimes. But you should always remember that we owe it to ourselves to find our own freedom and resist those who would like to restrict it. So many do in our days!
The young of each generation experiences the need to ascertain themselves. Nothing new. But those who want to interpret the drive towards self-determination as a simple biological manifestation make a mistake. A movement such as the Freideutscher Jugend is ascertaining its own values. Today, it would be at best naïve (if not silly) to talk about abstinence. I watched the few filmed images of the first reunion in 1913. Young men and women, dressed in the fashion of the time, enjoyed their moment of being away from home, dancing around a Maibaum, sharing in a Brotzeit. Almost idyllic. But today we live in a time of fast everything, of abundance, even excess, of never-ending texting and sexting, of drugs, of loud music, of vulgar language, of krank durch Dauersitzen, i.e. sick because of endless sitting in front of some screen. The answer to the pressure of mediocrity cannot be to ignore life as it is. But it can be, as it was in 1913, an expression of resistance. You, the young, can see better and farther than we can. Allow me to say, with the risk of antagonizing you, that the soft tyranny of all our modern dependencies is no less dangerous to our freedom than the hard tyranny of all kinds of authority. I would love to join you on your hike, to listen to your songs, to experience your many ways of expressing yourselves. You don’t need me on your journey towards your own self-identity as much as I need you as a source of renewal. Yes, it is a privilege to be challenged by those younger, able to see farther than my eyes and my mind allow me today.
If you have a minute, don’t hesitate to share some of your thoughts and emotions with me (nadin@utdallas.edu). As long as you care for and respect yourselves, you can enjoy the amazing gift of being young and challenging everyone who tries to hoist constraints upon you. Enjoy your time! It is the best expression of gratitude I can hope for. You can find out a great deal about what I’ve done in my life by searching the worldwide web. My 28th book was just published. Articles in scientific journals passed the 200 mark. Over 12.000 students from around the world have interacted with me; some 500 of them got their PhD. But if you really want to know who I am, we will have to go wandering together. I have enjoyed, my whole life long, the privilege of learning from others, and I’m not yet willing to give up this privilege. Love is also a learning experience!


Posted in Miscellaneous

copyright © 2o16 by Mihai Nadin | Powered by Wordpress

Locations of visitors to this page