Equal opportunity is not the same as equal access to mediocrity. Vive la difference!

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Miteinander sprechen—nicht aneinander vorbei.

Published in Annual Report, Hanse Institute for Advanced Study/Hanse Wissenschaftskolleg, May 2013, pp/ 46-52
http://www.h-w-k.de/en/servicemenu/downloads.html
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Published in Annual Report, Hanse Institute for Advanced Study/Hanse Wissenschaftskolleg, May 2013, pp/ 46-52
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Selbstverständlich kann niemand, der heute in der Wissenschaft tätig ist, das Princeton Institute for Advanced Study ignorieren. Was könnte über das Gespräch zwischen Einstein und Gödel hinausgehen? Dennoch konnte niemand bei Gründung des Instituts 1930 die Erfolge vorausahnen, als Abraham Flexner (der erste Direktor) die Idee eines solchen Instituts aufbrachte und die Bambergers (Louis und Caroline) das Geld dafür bereitstellten. Alan Turing, Paul Erdös, Erwin Panofsky und viele weitere berühmte Wissenschaftler, die Gäste des Instituts waren, würden bezeugen, wie wichtig die Zeit dort für sie wurde. Wenn forschende Geister sich treffen, beflügeln sie sich gegenseitig.
Das Delmenhorster Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) ist eines der vielen Institute, die Princeton beeinflusst hat. Meine Erfahrung in Delmenhorst deutet darauf hin, dass das HWK in seiner Art und Weise sogar noch über das, was in Princeton möglich ist, hinausgeht. Ich äußere das nicht als ein wohlfeiles Kompliment. Deshalb werde ich für diese Behauptung einige Argumente anführen, die dies beispielhaft belegen.
Man erinnere sich, wie sorgfältig jene Personen vorgingen, die in Princeton Fellows vorschlagen konnten. So erwähnt Hermann Weyl in einem Brief an den damaligen Rektor Frank Aydelotte Forscher mit hoher Reputation wie etwa Niels Bohr und Enrico Fermi, Werner Heisenberg, auch George Gamow. In seinem Brief legt Weyl großen Wert auf Persönlichkeitsmerkmale wie beispielsweise Offenheit und Interesse anderen Menschen und Meinungen gegenüber.
Für das HWK sind diese »Fellow- Eigenschaften« ebenso von großer Wichtigkeit. Die Wissenschaftler, die dem Wissenschaftlichen Beirat des HWK Vorschläge für Fellows unterbreiten, sind selbst in ihren Disziplinen sehr anerkannt – in meinem Fall etwa die Professoren Otthein Herzog und Christian Freksa. Indem sie ihre eigene Forschungsrichtung wohl bedenken, suchen sie gleichwohl nach Mannigfaltigkeit und über die eigene Wissenschaftsdisziplin hinausgehenden Ansätzen und Perspektiven. Diese Auswahlkriterien könnten das Modell für einen »Intelligenz-Multiplikator« sein. Die Weisheit der Vielen (wisdom of crowds) ist vielleicht doch nur ein populistischer Slogan. Die Wechselwirkung der »minds as an intelligence multiplier« überzeugt viel mehr.
Sicherlich spielen die umliegenden Universitäten eine wichtige Rolle für meine Bewertung: Oldenburg, Bremen (einschließlich der Jacobs University), wie auch Osnabrück und Bremerhaven (mit dem Alfred- Wegener-Institut) bilden eine gute Basis für diejenigen, die gut ausgestattete Labore und wissenschaftliche Gesprächspartner suchen. Das HWK, fest im lokalen Bereich etabliert, denkt global.
Ich kann die Erfahrung der persönlichen Kontakte mit anderen Wissenschaftlern und Künstlern, die mir durch den Aufenthalt im HWK ermöglicht wurden, nicht quantitativ erfassen. Naturgemäß habe ich vor allem den wissenschaftlichen Austausch gesucht. Dabei hat mich meine Konzentration auf Antizipationsforschung geleitet, die im Programm des HWK zu den Neuro- und Kognitionswissenschaften (BRAIN) gehört. Jedoch bin ich in Gesprächen Kollegen anderer Denkrichtungen begegnet, die sich in sehr unterschiedlich gelagerten Wissensfeldern bewegen. Das HWK als ein Mikrokosmos – das scheint Princeton nie angestrebt zu haben (obwohl dort heute auch manches anders ist als zur Gründungszeit).
Wichtiger aber sind die breite Perspektive und die interdisziplinär ausgerichteten Wissenschaftsbereiche. Zugegeben, Princeton hatte Social Studies und Interdisciplinary Studies; es hatte mehrere artists in residence und Kunst auf seinem Campus. Aber auch hier, glaube ich, geht das HWK weiter. Es zieht sowohl junge als auch etablierte Forscher in Bereichen wie Energieforschung, Meeres- und Klimaforschung, Sozialwissenschaften, Neurowissenschaften und Kognitionsforschung an. Falls das Paradies eines Kindes ein Spielzeugladen ist (wie es in meiner Kindheit der Fall war), dann ist mein Paradies heute die Welt zwischen und über den Disziplinen. Es ist ein Vorzug, an einem Ort Kollegen zu begegnen, die in den Künsten zu Hause sind und in der Antarktis experimentieren, die die Tiefen der Ozeane erforschen, oder die Technologien entwickeln, um Details der Materie auf Nanostruktur- Ebene zu beschreiben.
Keine Überraschung kann es sein, dass ich viel von Catherine Carr lernte (die sich mit den Hör-Fähigkeiten von Eulen befasst), von Pere Garriga (der dem Sehen auf molekularer Ebene nachgeht) und von John Dowling (in molekularer und Zell-Biologie tätig). Meine eigene Forschung ist fest in den Gebieten verankert, in denen sie tätig sind. Aber ich lernte auch von Elger Esser, dessen Kunst das Ergebnis kniffliger Antizipationen ist. Eine Postkarte zu bearbeiten, die aus einer Zeit vor der Perfektionierung des Farbdruckes stammt, ist nicht verschieden von der Arbeit Bartóks an der bäuerlichen Musik aus Maramures (im Norden Rumäniens). Bartók und Enescu waren Gegenstand eines Kolloqiums von größter Tiefe, in dem Dr. Tibor Szasz, ein ausgezeichneter Pianist und Musikologe, Details seiner Arbeit dargestellt hat. Als Zuhörer habe ich Antizipation als Ausdruck des Schöpferischen in der Musik erlebt.
Meine Arbeit zog Nutzen aus der Tiefe dieser Erfahrung, genauso wie sie auch von dem Treffen mit dem Komponisten Luca Lombardi und seiner Frau Miriam bereichert wurde, einer glänzenden Interpretin der Musik vieler Kulturen. Offensichtlich war die ästhetische Erfahrung als solche bereits Inspiration. In diesem Zusammenhang möchte ich auf Gedanken verweisen, die wir austauschten, auf gegenseitiges Befragen.
Selten hat jemand meine Hypothesen einer radikaleren Überprüfung ausgesetzt als diese Kollegen am HWK. Sie verfügen über neue Perspektiven, und wenn wir etwas brauchen, dann ist es eine neue Perspektive, sind es neue Anhaltspunkte, bevor wir zu Gefangenen unserer eigenen Modelle und Forschungsmethoden werden. Das Klangstudio, wo wir nichts hören außer dem, was wir selbst sagen, ist nicht der Ort, wo Kreativität sich ausbreitet. Die unmittelbare Interaktion in Delmenhorst bricht die Mauern des echolosen Raumes.
Oh ja, Antizipation als eine Dimension der Kunst war der Anstoß zu Gesprächen mit Elger Esser, Shonah Trescott, Juan Oswaldo Budet sowie Timothy Senior (einem Junior Fellow). Nach seiner Promotion in den Neurowissenschaften, wandte Tim sich der Ästhetik zu. Er begann die Erforschung neuer Räume in der Sprache der Computergrafik und mit interaktiven Einrichtungen des Duke University Virtual Environment (DiVE). Dr. Senior wählte mich als seinen Mentor in Fragen der Antizipation – trotz seines Namens und am Anfang einer vielversprechenden Karriere. Umgekehrt wählte ich ihn als Mentor in besonderen Fragen der Neurowissenschaften: Systems Neuroscience ist an der Oxford University unter den Professoren Csicsvary und Somogy, beide besondere Persönlichkeiten, einzigartig.
Offen gesagt, am Campus meiner Heimat- Universität kommt es selten zu solchen Ereignissen. Hierarchische Strukturen bestimmen die Institutionen. Unsere Studierenden denken und handeln mehr oder weniger wie wir selbst. Am HWK können Junior und Senior Fellows die sein, die sie sind, unabhängig von institutionellen oder fachspezifischen Rahmenbedingungen. Es zeugt von Weitsicht und Klugheit, dass am HWK eine Atmosphäre geschaffen wurde, in der auch die notwendigen Konflikte, die aus den Unterschieden der eigenen und der Sichtweise der Kollegen entstehen, einen vorurteilsfreien Raum finden. Ich zögerte nicht, Susumu Shikano, Bernhard Kittel oder Ernst Fehr wissenschaftlich herauszufordern, wie umgekehrt es mir eine Freude wahr, privat wie öffentlich von André Bächtiger, Andreas Anter oder Yuri Borgmann-Prebil befragt zu werden, auch wenn jeder von ihnen das aus einer Perspektive heraus tat, die verschiedener von meiner nicht hätte sein können.
Das HWK muss aber noch mehr sein als ein angenehmer Ort in einer schönen Umgebung, damit all das geschehen könnte. Es muss mehr bieten als eine gute Infrastruktur und großzügige Unterstützung in allen Belangen des Alltags und der wissenschaftlichen Arbeit. Erinnern wir uns daran, was mit dem Princeton Institut geschah, nachdem es sich unter dem Schutz seiner Stiftungsgelder und der Aura frühen Erfolgs etabliert hatte. Der niemals scheue Richard Feynman formulierte dies auf seine Weise: „?Nothing happens because there’s not enough real activity and challenge. You’re not in contact with the experimental guys. You don’t have to think how to answer questions from the students. Nothing!…» (Feynman, New York 1986)
Ich hatte Argumente versprochen für meine Behauptung, dass das HWK über sein berühmtes Vorbild hinausgeht. Feynmans Attacke ist vielleicht eher eine Beschreibung dessen, was Strukturen anrichten können, wenn sie verknöchern. Ich glaube nicht, dass ein Nobelpreis (wie auch der für Feynman) automatisch all das mit dem Gütesiegel der Wahrheit versieht, was ein als Nobelpreisträger sagt oder schreibt. Dennoch sind Feynmans Worte eine Warnung, die niemand in Forschung und Lehre ignorieren sollte.
Für mich war einer der wichtigsten Anziehungspunkte des HWK das reichhaltige Programm von Konferenzen, Arbeitstagungen und Seminaren. Das elegante Gebäude am Lehmkuhlenbusch – auf dem einzigen Hügel der Stadt gelegen – ist ein offenes Haus mit umfangreichem Programm. Die Themen werden von Forschern und Wissenschaftlern, etablierten Instituten und Wissenschaftseinrichtungen, von Unternehmern und gesellschaftlichen Aktivisten initiiert und in Form von Tagungen und Workshops umgesetzt.
Während meines Fellowships konnte ich beispielsweise die Gelegenheiten nutzen, tiefere Einsichten in die Forschung zu nachhaltigen Energieformen zu bekommen, Wissenswertes zur Biologie der Ozeane, zu Experimenten in Ökonomie und Politikwissenschaft und zu neuen Konzepten in der Landwirtschaft zu erfahren. So gelangte ich etwa über das Netzwerk um das HWK herum zum Bauernhof von Jan-Bernd Meyerholz, wo ich Zugang zu neuen Denkweisen über Landwirtschaft bekam: Es wird Energie erzeugt und nachhaltige Landwirtschaft praktiziert; diese neuen Methoden und Wege sind eng an wissenschaftliche Ergebnisse angelehnt und verbunden mit der Wissenschaft, die die Wissensgesellschaft vorantreibt.
Die Arbeitstagungen am HWK brachten mir Zugriff auf Daten und Methoden; ich konnte zu meiner Liste wissenschaftlicher Kontakte etliche Wissenschaftler hinzufügen, die an weiterem Austausch interessiert sind: Mahesh Pattabhi Ramaiah, Wulf Schievenhövel, Stefan Mátéfi-Tempfli. Alexey Sukhotin hat meine Aufmerksamkeit auf antizipatorische Aspekte des Winterschlafs gelenkt, und seine Ehefrau Irina half mir bei der Definition des Kontexts, in dem das Konzept »Antizipation« in frühen Schriften russischer Autoren (Anokhin, Uchtomsky, Bernstein usw.) dargestellt worden ist.
Kurzum, ich habe eine Sicht auf die Antizipation gewonnen, die ich durch das Lesen von Büchern und wissenschaftlichen Aufsätzen nicht hätte gewinnen können. Richard Feynman hätte den Aufenthalt am Hanse-Wissenschaftskolleg genossen. Die wöchentlichen Vorträge der Fellows bilden einen lebendigen Diskurs, bei dem Hypothesen vorgestellt werden, deren Diskussionen sich noch tagelang fortsetzten. So bezweifelte beispielsweise Jin Hyun Kim, Junior Fellow, wiederholt meine Aussagen. Aron Stubbins führte mich in ein Modell für große Datenmengen ein und erzählte mir von seinem Versuch, für dieses Thema das Interesse der Informatiker zu gewinnen. Geduldig diskutierte Guy Denuault mit mir die Notwendigkeit, verschiedene Parameter zu messen, die charakteristisch für Handlungen sind, in denen sich Antizipation ausdrückt. In diesem Zusammenhang schätzte ich auch, dass ich spezielle Fragen an Go Ashida richten konnte: Die »Hörmaschine«, für die Alan L. Hodgkin und Andrew F. Huxley einen Nobelpreis bekamen, war für uns alle ein Hinweis auf den nächsten Schritt zum Verstehen voraussagender Aspekte der sinnlichen Wahrnehmung.
Meine Absicht hier ist es nicht, einfach nur Namen fallen zu lassen (und Ausdrücke von Dank). Vielmehr möchte ich mit meinen Ausführungen einen Zusammenhang beschreiben und der Behauptung Kraft verleihen, dass das HWK sich mit dem erfolgreichen Modell des Princeton Institute for Advanced Study messen kann und dass es dieses gewissermassen überholt hat. Selbstverständlich habe ich keine Ahnung davon, welche Gelehrten mit Einstein, Gödel oder Turing Austausch gepflegt haben. Aber ich kenne jene, die am HWK den Dialog ermöglicht haben, den ich angedeutet habe. Und da sind die Mitarbeiter des HWK, die im Hintergrund dafür sorgen, dass die Arbeitstreffen und Aktivitäten der Fellows und die öffentlichen Vorträge, die von vielen Menschen in der Stadt und der Umgebung besucht werden, reibungslos und ohne Probleme durchgeführt werden können.
Immer seltener gehört es zum Leben eines Wissenschaftlers, die Schranken der eigenen Disziplin überschreiten zu können. Die Spezialisierung hat gewiss ihre Vorzüge, und niemand wird sich gegen sie aussprechen. Aber es hilft ungemein, sich in einer Umwelt zu bewegen, die vorteilhaft für jeden Austausch ist, wenn wir unsere Wurzeln in der Realität behalten und nicht uns selbst und unsere Gedanken im Spiegel unseres Geistes sehen wollen. Meine wöchentlichen Gespräche mit Frieder Nake – der nicht nur ein Pionier der Computerkunst ist, sondern auch ein Wissenschaftler mit vielen Interessen – haben auch andere Kollegen angezogen. Ich bin mir sicher, dass diejenigen, die diese Gelegenheit zum Gesprächsaustausch nutzten, soviel daraus ziehen konnten wie ich. Wir haben nicht Höflichkeiten ausgetauscht; wir haben Gedanken und Entwicklungen in Frage gestellt und neue Pläne geschmiedet. Leonardo Chelazzi, Tecumseh Fitch, Ernst Pöppel und Wulf Herzogenrath, die herausragende Präsentationen boten, nahmen sich Zeit für meine Fragen. Wir haben auch weiterhin Kontakt, wenngleich sich meine Sichtweisen deutlich von denen der Kollegen unterscheiden.
Gewiss vermisse ich nun den Anblick des Rapses, wie er blüht und wächst auf den Feldern, die Forsythien im Frühling, die träge fließende Delme und die Wälder in der Nähe. Ich vermisse die Konzerte in der historischen Evangelischen Kirche in Ganderkesee und auch die Abendessen und Frühstücke im Kreis der Kollegen. Soviel mehr habe ich für meine Forschung aus der erlebten Interaktion mitgenommen, dass ich wünsche, jemand schenkte mir ein weiteres Leben. Aber eigentlich erlebe ich schon etwas Ähnliches: Die Study Group Anticipation Across Disciplines wird in den kommenden drei Jahren mehrere sehr interessante Wissenschaftler nach Delmenhorst einladen. Von denen, die mein Graduierten-Seminar besuchten, wird Andreas Kurismaa (jetzt wieder in Talinn, Estland) mit Sicherheit teilnehmen (sein Studienprojekt in der Neurowissenschaft an der Universität Osnabrück konnte ich beratend begleiten). Vielleicht auch Lutz Dickmann, bald selber Promovierter der Universität Bremen. Falls Sie in der Nähe sein sollten, lassen Sie die Gelegenheit nicht vorüber ziehen. Das HWK hat noch niemanden abgelehnt, der oder die wahrlich an Wissenschaft und Kunst interessiert ist.


Posted in Anticipation, Post-Industrial/Post Literate Society

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