Current human activity is characterized by qualities that negate those of the Machine Age.

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Vorhersagen ü ber die politischen Folgen des Internets: Es geht nur um Macht!

MAP März 2012 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP
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MAP März 2012 – Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP
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(Übersetzung: Harald Greib)
Menschen gingen auf die Straße. Einige der ganz großen Akteure in der digitalen Wirtschaft ließen ihre Muskeln spielen. Die Medien berichteten. Sogar die Vereinten Nationen beschäftigten sich mit dem Thema. Der Sonderberichterstatter Frank LaRue legte einen Bericht zur “Föderung und Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung” vor. Vor Kurzem wurde das ACTA- Abkommen (das Anti- Counterfeiting Trade Agreement “das Anti- Fälschungs- Handelsabkommen) ausgebremst, weil Deutschland, aufgescheucht durch Demonstrationen, es sich anders ü berlegt hatte, nachdem es zuvor, wie 22 weitere Mitgliedstaaten der EU, dem zweifelhaften Dokument bereits seine Unterstü tzung hatte zukommen lassen.
Hier geht es darum, wie wirtschaftliche Interessen bei der Nutzung neuer Technik mit politischen Zielen in Widerstreit geraten. Da kann es nicht ü berraschen, dass die USA an der Speerspitze der Bemü hung stehen, die Wirtschaftsinteressen zu schü tzen. Unfähige Politiker, die von dem Geld reicher Interessenverbände gekauft wurden, verbreiten Schlagworte von gestern: Geistiges Eigentum mü sse geschü tzt werden. Dabei ist das die letzte Sorge der amerikanischen Regierung. Bei dem Versuch, das Internet zu kontrollieren, geht es allein um Profitmotive. Und die amerikanischen Gerichte belegen Personen, die im Geist einer weltweit verbundenen Welt die peer –to – peer – Kommunkation unterstü tzen, mit Geldbußen und sogar Gefägnisstrafen. Politiker und Rechtsanwälte verstehen einfach nicht, dass es einen Riesenunterschied gibt zwischen dem Verkauf einer Platte oder CD und digitaler Interaktion, die auf neue Weise Werte produziert. Und sie verstehen auch nicht, dass digitale Interaktion etwas zu tun hat mit den vielen Möglichkeiten, die eine verbundene Welt bietet. Virale Verbreitung eines Lieds, das zum freien Herunterladen im Internet eingestellt wurde, ist die beste Werbung fü r den Besuch eines Konzerts des Kü nstlers. Kü nstler verstanden diese neue Entwicklung und wissen um ihre Vorteile.
In Europa legten, manchmal auf Druck der USA, Frankreich und Großbritannien Vorschläge fü r die Überwachung des Internets vor. Sie bemü hten sich in keiner Weise zu verstehen, dass eine Kopie im digitalen Zeitalter etwas ganz anderes ist als in der Zeit des Industriekapitalismus. Sehen wir doch den Dingen ins Auge: Die Fälschung von Sportschuhen oder Handtaschen ist etwas anderes als das “Kopieren” von Inhalten im weltweiten Netz. Auch bemü hten sie sich in keiner Weise zu verstehen, dass Rechte – vor allen Dingen politische Rechte – nicht fü r immer unterdrü ckt werden können, um denen einen Gefallen zu tun, die die internetbasierte Wirtschaft aus Profitgrü nden kontrollieren wollen. Kopieren und Verbreiten von Bildern, die die nationale Sicherheit in Frage stellen könnten, ist ein politischer Akt. Aber die, die dagegen vorgehen, gehen strafrechtlich gegen die Hintermänner solcher Veröffentlichungen unter dem Vorwand von Wirtschaftsvergehen vor. Unabhängig davon, wie unvollkommen Wikileaks war, ging es hierbei um eine politische Aktion, nicht um eine e-bay – Auktion.
Das Thema meines Artikels zeigt, wie dringend notwendig es ist, dass die Politik sich Gedanken darü ber macht, inwieweit das Internet frei sein und bleiben muss. Nur ein Beispiel: Frankreichs HADOPI ((Haute Authorité pour la Diffusion des Oeuvres et de la Protection des Droits sur Internet ; “Hohe Behörde fü r die Verbreitung von Werken und den Schutz von Rechten im Internet”) sieht ein Modell nach dem Prinzip von „three strikes and you’re out” vor. Jemand kann seiner politischen Rechte wie des Zugangs zum Internet beraubt werden fü r Handlungen, die als angebliche Verstöße gegen Wirtschaftsrecht geahndet werden. EU- Verordnungen beschränken die Verbreitung von Nachrichten im Internet. In der Schweiz erlaubt der Logistics File Sharing Monitor die Identifizierung und Registrierung von Adressen. Eigentlich ist dies doch ein Behördenverhalten, von dem wir glauben, so etwas gäbe es in China, aber nicht in demokratischen Staaten. Internet- Dienstleister wollen keine Netzauftritte von Menschenrechtsorganisationen, Dissidenten und Whistleblowers beherbergen, weil Hackerangriffe häufig sind und das Betreiben dieser Netzauftritte zu kostspielig macht.
All dies ist ein Katz- und Maus- Spiel zwischen den Menschen und denen, die ihnen die Freiheiten vorenthalten wollen, die typisch sind einer Welt, in der der “Informationen frei sein wollen”, wie es in einem Schlagwort, das bis auf die Anfänge des Internets zurü ckgeht, heißt. Damit vollbrachte Wikipedia, als es fü r einen Tag offline ging, um gegen die mögliche Kontrolle des Internets zu protestieren, zwar eine spektakuläre, aber auch naive Aktion. Die Wikipedia- Hierarchie erlaubt es stillschweigend, dass die, die Geld haben, andere dafü r bezahlen, ü ber sie schmeichelhafte Artikel bei Wikipedia zu platzieren. Und Wikipedia erlaubt seinen “ehrenamtlichen Mitarbeiter” (sind sie das wirklich?) das “Schwarmwissen” in geradezu schon totalitärer Weise zu zensieren. Google, das gerade dabei ist, seine Unternehmensstrategie neu auszurichten, wird Konten miteinander verbinden, ohne Rü cksicht darauf, ob die Inhaber dies wollen oder nicht. Suchmaschinen, soziale Netzwerke, online- Medien und Unternehmen schöpfen Informationen ü ber Internetnutzer ab, um damit Geld zu machen. Doch hat man niemanden gehört, der die Behauptung aufgestellt hätte, dass dieses Informationsabschöpfen im Internet die Nutzer ihres Eigentums (und ihrer Privatsphäre) beraube, nur damit die Wirtschaftsdemokratie der Konsumgesellschaft davon profitiere.
La Quadrature du Net hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die politische Klasse und das neue politische Wesen des Internets Auffassungen von den Persönlichkeitsrechten vertreten, die vollkommen unvereinbar miteinander sind. Anstatt uns darum zu kü mmern, wie viele Minuten vergingen, bis die Presse den Tod von Whitney Houston bekannt gab (einige Tweeter waren schneller), sollten wir uns besser darauf konzentrieren, vorherzusehen, wohin sich die politische Nutzung des Internets entwickeln wird, wenn es nach dem Willen seiner Nutzer geht. Den Internet “Ureinwohner”, (also die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist) ist es sch… egal, ob Twitternachrichten schneller sind als die Medien. Sie werden politische Macht auf der Grundlage ihrer Kompetenz fü r sich erobern; welch ein Kontrast zu den kompetenzfreien Versuchen der Politik und Wirtschaft, eine neue Form des menschlichen Seins zu kontrollieren, das die logische Folge der neuen Möglichkeiten ist.
Ausgehend von den Daten ü ber den weltweiten Internetverkehr – zur Zeit beinahe 600 exabytes – und den Mustern der Datennutzungen (wie viel fü r e- Handel, wie viel fü r e- Lernen, wie viel fü r e- Unterhaltung, wie viel fü r e- Kommunikation, wie viel fü r Pornographie usw.) können wir eine gewisse Anzahl von Mustern vorhersagen:

  • die Zunahme von privaten Netzwerken (wie z.B. iTunes), die sehr detailliert die Profile ihrer Nutzer registrieren (Unternehmensmonopol)
  • die Zunahme von Netzwerken mit spezieller Ausrichtung (z.B. fü r Cybersicherheitsbelange, fü r verbreitete ärztliche Diagnosen)
  • die Zunahme von sozialen Mediennetzwerken mit spezieller Ausrichtung, die in Wettbewerb zu den “Komplett”- Modellen (wie Facebook oder Twitter) treten werden
  • mehr Wettbewerb zwischen den suchmaschinenbasierten Netzwerken (Google wird seinen Status als Internet- Supermacht verlieren).

Natü rlich werden die Regierungen weiterhin versuchen, das Internet zu regulieren, aber sie werden immer ein paar Schritte zu spät sein. Mit der “Ureinwohner”- Generation des Internets wird Politik sicherlich auch im Internet wichtiger werden, aber nicht, um es als Propagandamedium oder als Mittel zur Spendenbeschaffung zu nutzen, sondern eher in dem Sinne, dass es den Wähler hilft, stärker in die politischen Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden. Dass die Entscheidungsprozesse weniger in die Tiefe gehen werden und opportunistischer sein werden, ist dabei eine Selbstverständlichkeit.


Posted in Anticipation, Ubiquitous Computing & Digital Media

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